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Neue Versorgungspauschale für Chroniker: gesund.de sieht vertane Chance für Millionen Patienten
Gut gedacht – nicht gut gemacht.
Zum 1. Juli 2026 startet die neue hausärztliche Versorgungspauschale für chronisch kranke Menschen. Die Idee dahinter: Wer medikamentös gut eingestellt ist, soll nicht mehr allein wegen eines Folgerezepts jedes Quartal in die Praxis müssen. Aus Sicht der Gesundheitsplattform gesund.de geht die Regelung in die richtige Richtung. Doch in ihrer jetzigen Form erreicht sie nur einen Bruchteil derjenigen, für die sie gedacht war. gesund.de sieht hier mehr Potenzial, empfiehlt deutlichere Schritte hin zur Entlastung von Chronikern, Ärzten und Apothekern.
Rund 54 % der Erwachsenen in Deutschland leben mit einer chronischen Erkrankung.  Vielen von ihnen hätte die ursprünglich geplante Pauschale unnötige Wege zur Arztpraxis ersparen können.
Was war geplant? Nach dem Willen des ehemaligen Bundesgesundheitsministers Prof. Dr. Karl Lauterbach sollten Patienten mit chronischen Erkrankungen ohne hohen Betreuungsbedarf nicht mehr jedes Quartal aus Abrechnungsgründen in die Arztpraxis einbestellt werden müssen. Stattdessen sollte die Arztpraxis für die jeweilige Erkrankung eine bis zu vier Quartale umfassende Versorgungspauschale abrechnen. Dadurch sollte das System von überflüssigen Terminen und Wartezeiten entlastet und freie Kapazitäten geschaffen werden. (Quelle: Bundesgesundheitsministerium). Soweit die gute Idee.
Die Realität sieht anders aus: Die nun von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und dem GKV-Spitzenverband beschlossene Regelung gilt nur für Erwachsene zwischen 18 und 74 Jahren, die genau eine chronische Erkrankung haben und dafür exakt ein verschreibungspflichtiges Medikament einnehmen. Erfasst sind zudem lediglich vier Krankheitsbilder: Bluthochdruck, Schilddrüsenunterfunktion, ideopathische Gicht und Fettstoffwechselstörung.
Wer typische Begleiterkrankungen hat, fällt aus der Regelung heraus. Ein Patient mit Bluthochdruck und gleichzeitig erhöhten Cholesterinwerten muss weiterhin quartalsweise vorstellig werden, um seine elektronische Gesundheitskarte vorzulegen. Meist ohne jegliche ärztliche Intervention, sondern zu Abrechnungszwecken. Die neue Pauschale bezieht sich zudem nur auf ein halbes Jahr, ursprünglich war eine Jahrespauschale geplant.
Hinzu kommt eine Reihe von Detailregeln, etwa die Frage, ob ein Patient in den Vorquartalen bereits in der Praxis war oder ob ein anderer Facharzt zwischenzeitlich eine weitere chronische Diagnose ergänzt hat. Wenn Hausärztinnen und Hausärzte die neue Regelung anwenden wollen, entsteht damit vor allem eines: zusätzliche Arbeit. Praxen können nicht „auf Knopfdruck“ herausfinden, welche Patienten die festgelegten Kriterien erfüllen. Häufig bedarf es zusätzlicher Abfragen oder Prozesse.
„So gut gemeint die Pauschale ist, sie geht am Praxisalltag vorbei. Die Bedingungen sind so eng gefasst, dass kaum ein Patient sie erfüllt. Statt einer Entlastung entsteht zusätzlicher Prüfaufwand. Wenn wir Patienten wirklich helfen wollen, müssen wir Routinevorgänge einfacher machen, nicht komplizierter“, sagt Annette Rennert, Hausärztin und stellvertretende Vorsitzende des gesund.de Beirats.
Für gesund.de zeigt die Debatte vor allem, wie viel Potenzial ungenutzt bleibt. Wenn digitale Prozesse Folgerezepte und Routinevorgänge übernehmen, gewinnen alle: Patienten sparen unnötige Wege, und die lokalen Versorger werden spürbar entlastet.
„Die Grundidee hinter der Versorgungspauschale ist richtig: Niemand sollte allein aus bürokratischen Gründen mehrfach im Jahr eine Arztpraxis aufsuchen müssen. Die jetzige Umsetzung bleibt jedoch deutlich hinter den Möglichkeiten zurück“, sagt Dr. Peter Schreiner, CEO von gesund.de. „Millionen von Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen, die von einer Entlastung besonders profitieren würden, werden von der Regelung nicht erfasst. Aus Sicht einer patientenzentrierten Versorgung ist das eine vertane Chance.“
Dass eine unkomplizierte Lösung möglich ist, zeigt das Nachbarland Österreich. Wer dort ein Dauermedikament benötigt, fordert das Folgerezept einfach bei der Praxis an, etwa telefonisch, über ein Patientenportal oder per „Rezept anfordern“-Button auf der Website. Die Ärztin oder der Arzt stellt das Rezept elektronisch aus und speichert es im zentralen e-card-System. Ein Praxisbesuch nur fürs Rezept entfällt. In der Apotheke lösen Patienten ihr Medikament dann unkompliziert mit der e-card, einem e-Rezept-Code am Handy oder einem Ausdruck ein. Dieses Prinzip beschreibt auch das offizielle österreichische Gesundheitsportal. Aus Sicht von gesund.de gehören digitale Prozesse, Bürokratieabbau und eine Entlastung von Patienten und der Versorgung vor Ort zusammen.